Didaktische Hintergedanken zu “backyard TV”

Patrick Breitenbach am 8.05.2009 |

karlslabor

“Einfach mal machen.” Das stößt bei viele Menschen auf nicht gerade große Akzeptanz. Zuweilen löst das sogar Panikattacken aus. Unsere Kultur neigt dazu, die Dinge im Voraus zu planen, sie zu kontrollieren, sie zu unterwerfen, sie auf Anhieb mit größter Präzision und Fehlerfreiheit auszugestalten. Das ist löblich, das mag ein ideales Ziel sein, dennoch glaube ich nicht an einen maximalen Lernerfolg durch diese Art der Vorgehensweise. Ich glaube auch nicht an eine Evolution aus einem Plan heraus, sondern das stetige ausprobieren, rekombinieren, selektieren und anschließende Durchsetzen, dem “survival of the fittest”.

Der Grund, warum ich Studenten den “Freiraum” gegeben habe, ist nicht um es mir selbst einfacher zu machen (das ist es ganz bestimmt nicht, denn es macht es mir selbst schwerer), sondern es geht mir darum in allem was ich an der Hochschule mache, auch immer eine Lernerfahrung mitzugeben und abzuholen. Sozusagen ein didaktischer Hintergedanke, den ich kurz erläutern möchte.

Die wenigen, engagierten, mutigen Studenten, die gerade bei backyardTV mitwirken, zeichnet eines aus: Sie sind in dieser Hochschule sowas wie Pioniere. Sie scheuen sich nicht davor, neben ihrem eigentlichen Studium, etwas dazuzulernen, mit Medien zu experimentieren, zu forschen, auszuprobieren, kreativ zu arbeiten und ganz praxisnah mit dem neuen Medium Internet zu arbeiten. All das was ihnen in ihrem späteren Berufsalltag zwangsläufig im Bereich Marketing und Kommunikation begegnen wird, können sie jetzt schon mit backyardTV ausprobieren. Scheitern gehört dazu. Negatives Feedback von Außen auch. So ist das Leben. Willkommen in der On- wie Offlinewelt.

Aber mir ist es sehr wichtig, dass die Führungskräfte von morgen, die später einmal wichtige Marketing-/Kommunikationsentscheidungen treffen, mehrere Dinge dabei lernen:

1. Sie schätzen den zeitlichen Aufwand, die kreative Energie und die aufkeimende Frustration und das Glücksgefühl während eines solchen Kreativprozesses. Das sensibilisiert sie für eine spätere Zusammenarbeit mit kreativen Spezialisten in Form von Agenturen oder Freelancern. Sie erkennen plötzlich, was es heisst, wenn ihre kreative Arbeit bemängelt wird, bzw. auf welche Art und Weise das stattfinden kann. Genau diese Schnittstelle zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer war bis vor kurzem noch extrem mangelhaft ausgeprägt. Ganz einfach, weil die jeweiligen praktischen Einblicke in solche “Workflows” fehlten. Das führt zu Effekten wie Dumping, miserablen Agenturleistungen und ständigem Missmut und suboptimaler Kreativ- und Kommunikationsleistung. Erst wenn beide Parteien wissen, was sie voneinander haben, was sie leisten und wie sie miteinander umgehen müssen, führt das zu grandiosen Ergebnissen in der Unternehmenskommunikation. Kreativität ist ein flexibler Prozess - nie ein rein statisches planbares Ergebnis. Klar, die strategische Planung gehört dazu, aber die kreative Umsetzung ist ein sich entwickelnder Ideenprozess mit tausenden von Anknüpfungspunkten. Zukünftige Marketingentscheider haben also endlich die Chance, Höchstleistungen bei den Kreativen abzurufen - aber eben nicht nur mit Hilfe des eigenen Scheckbuches.

2. Der zukünftige Entscheider erlebt hautnah wie man visuelle Kommunikation kreiiert, optimiert und umsetzt, er lernt etwas über Netzwerkeffekte und konstruktivistisches Feedback (ein anonymer Kommentar verhält sich immer anders, als ein voller, echter Name). Sprich, er lernt den Umgang mit “Web 2.0″ - und eben nicht nur das theoretische Wissen aus Vorträgen, Büchern oder von sogenannten Experten.

3. Der Entscheider von morgen lernt etwas über Teamarbeit. Die Bündelung und das Arrangement verschiedener Stärken. Er lernt den Umgang mit Kritik und das Kritik üben selbst. Er lernt Flexibilität und das Lösen komplexer Aufgaben mit geringem Budget und schmalen Zeitfenster. Er lernt “Storytelling” und das freie Agieren vor und hinter der Kamera. Er lernt etwas über die eigene Weiterentwicklung und sieht im besten Falle am Ende der gesamten Erfahrung einen digital dokumentierten Weg der eigenen Medienkompetenz.

Wenn also Kommilitonen oder Außenstehende die derzeitigen ersten Gehversuche einer bunt zusammengewürfelten Truppe, die ihre wertvolle Freizeit mit viel Engagement in diese Erfahrung steckt, sich für diese Art des aktiven Lernens “schämen”, dann braucht man dazu nicht viel Worte zu verlieren.

Ja, auch ich bin natürlich nicht immer 100% einverstanden, was manchmal an Ergebnissen entstehen wird. Aber wenn mein konstruktives Feedback mal nicht gewünscht wird, dann dränge ich es sicherlich nicht auf (ich versuche es jedenfalls), denn dann will man offensichtlich seine eigene Erfahrungen sammeln. Zum Glück! Es wäre für mich das Schlimmste, solchen Menschen eigene Erfahrungen vorzuenthalten. Denn gerade Studierenden sollten den Freiraum und Schutz bekommen, so intensiv zu forschen, wie sie es selbst möchten, vor allem in ihrer vorlesungsfreien Zeit. Dienst nach Vorschrift kann man sicherlich im späteren beruflichen Leben immer noch früh genug ableisten - wenn man das so will.

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1 Kommentar

  1. Philip Lahr sagt:

    Vielen Dank für deine Unterstützung!

    Es ist nun einmal wirklich so! Seitdem Herr Zerr das Amt des Präsidenten an der Hochschule übernommen hat, Patrick Breitenbach für Communication und Content zuständig ist, hat sich was getan. Träume können verwirklicht werden.
    Ich wollte schon immer eine Redaktion leiten, Filme machen, und mich weiterhin am Unileben beteiligen.
    Herr Zerr und Patrick geben uns nicht nur die Möglichkeit uns zu entfalten, sie versuchen uns mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, unsere Kreativität zu fördern, und unseren eigene Weg zu finden.
    Danke!

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